Chicago – Tausende Demonstrierende haben in Chicago aus Protest gegen die in der drittgrössten Stadt der USA grassierende Waffengewalt eine Autobahn besetzt. Sie blockierten am Samstag für etwa eine Stunde eine Fahrbahn der Dan-Ryan-Autobahn.
Sie forderten die Politik zum Handeln auf. Die Autobahn verläuft durch den mehrheitlich von Afroamerikanern bewohnten Süden Chicagos, in dem Waffengewalt zum Alltag gehört.
Die Bevölkerung sei «aufgestanden» und habe die «Aufmerksamkeit» der Politiker gewonnen, sagte der Priester Michael Pfleger, der die örtlichen Proteste gegen Waffengewalt seit Jahrzehnten anführt, dem Sender WLS-TV. Die Menschen seien «müde» wegen der «verdammten Gewalt in Chicago», sagte Pfleger. Die Protestaktion war mit den Behörden der Stadt im Vorfeld abgesprochen worden.
Allein in diesem Jahr wurden in Chicago nach Polizeiangaben bislang 254 tödliche Schusswaffenangriffe und 1114 Schiessereien verzeichnet. Obwohl die Zahl der Morde im Vergleich zum Vorjahr um 23 Prozent gesunken ist, steht Chicago damit immer noch an der Spitze aller Städte in den USA. Landesweit kommen jährlich etwa 30'000 Menschen durch Schusswaffen ums Leben.
Helene Fischer ist es gewohnt, vor ausverkauftem Haus zu spielen. Doch bei ihrer aktuellen Stadion-Tournee bleiben viele Plätze leer.
Sie ist die Königin am Schlagerhimmel und gewohnt, in ausverkauften Hallen zu spielen. Doch momentan sieht es nicht gut aus für Helene Fischer (33). Die Tickets für ihre Stadion-Tournee «Herzbeben» verkaufen sich schlechter als sonst. Für ihre anstehenden Konzerte in Deutschland sind noch etliche Karten erhältlich.
Ticket- und CD-Verkäufe laufen schleppendDabei sind die Preise noch erschwinglich. Fans müssten rund 50 Franken für einen Sitzplatz berappen. Vergangenes Jahr gab Helene Fischer mehr als 60 Konzerte in der Schweiz, Österreich und Deutschland. Ist das der Grund für den schleppenden Ticket-Verkauf? Zwischen ihrem Abschlusskonzert der letzten Tour und dem ersten Konzert ihrer aktuellen Tour liegen nur dreieinhalb Monate. Wollen die Fischer-Fans ihr Idol einfach nicht so häufig kurz hintereinander sehen? Schliesslich ist ein Konzertbesuch für die meisten immer noch etwas Besonderes.
Doch nicht nur die Karten-Verkäufe laufen schleppend. Auch die CD-Verkäufe gingen zurück. «Farbenspiel» ging mehr als 2,4 Millionen Mal über die Theke. Ihre aktuelle CD nur eine Million Mal.
Haben die Fans genug von Fischer?Helene Fischer ist praktisch dauerpräsent. Sie ergatterte TV-Rollen beim «Traumschiff» und im «Tatort», verkauft Parfüm und unterschrieb für unzählige Werbedeals. Das scheint für ihre Anhänger langsam zu viel zu sein. Auf Facebook fasste es ein Fan zusammen: «Frau Fischer hat ein Gespür dafür, wie man Kohle machen kann. Sorry, ich mochte sie und ihre Musik mal sehr, aber dieser Kommerz, den sie betreibt, ist nur noch ätzend.»
Einst sagte die Sängerin über ihre Karriere: «Ich versuche alles aufzusaugen, weil ich nicht weiss, wie lange es so bleiben wird.» Vielleicht muss sich Helene Fischer wieder rar machen, um für ihre Fans wieder etwas Besonderes zu sein – damit sie die Schlagerkönigin bleibt. (paf)
Autorin Silvia Tschui musste an den unspannendsten Stellen dieses «Tatorts» kichern.
Ich hätte an dieser Stelle ja so gern darüber geschrieben, dass Til Schweiger gar nicht so doof ist, wie alle Kritiker immer sagen. Denn der Mann reagiert zwar ultraempfindlich dünnhäutig und peinlich beleidigt auf jede noch so schwache oder auch nur eingebildete Kritik an seinem Schaffen – er hat aber das Herz auf dem rechten Fleck: So viel Wohltätigkeitszeugs, wie der spendet, schafft garantiert kein anderer deutschsprachiger Schauspieler.
Und so hätte ich den «Tatort», der die Sommerpause unterbricht, wirklich gern gut gefunden. Hätte, wäre, könnte – es ist leider nichts draus geworden. «Tschiller: Off Duty», das letztjährige Kino-«Tatort»-Kassengift, würde so gern ein James-Bond-Film sein, dass man sich leider fremdschämt.
Das liegt nun nicht unbedingt an Schweiger, sondern am Plot. Tschillers Tochter Lenny möchte den Mord an ihrer Mutter rächen und reist ihrem Killer nach Istanbul nach. Dort kidnappt sie ein böser Geheimdienst-Mitarbeiter, um ausgerechnet mit ihr die russische Politszene aufzumischen. Alles klar? Nein? Egal, den Plotschreibern wohl auch nicht.
In der Folge reist Tschiller der Tochter nach, um sie zu retten, und lässt dabei kaum ein Klischee aus. Sogar eine Nahtoderfahrung ist dabei: «Geh nicht ins Licht!» ist dabei die völlig unironische Dialogzeile, die man auch nicht schon in zig Filmen gehört hätte. Aus zig Actionfilmen zusammengeschnitten wirkt das Ganze denn auch.
Immerhin: Ein paar coole Stunts und Okayszenen sind dabei. Bleibt zum Film zu sagen: Til Schweiger ist ein netter Mann, der viel Charity macht.
Tatort: «Tschiller: Off Duty», 20.05 Uhr, SRF 1:Zwei von fünf Sternen
Im Tauziehen um Rechtsverteidiger Silvan Widmer (25) gehts für den FCB um viel Geld. Klappt der Deal?
Laut SonntagsBlick-Infos sind die Verhandlungen bereits weit fortgeschritten, es geht – wie so oft – nur noch ums Geld. Um viel Geld.
Bei Udinese hat der langjährige FCA-Junior noch einen Vertrag bis 2020, italienische Medien schreiben von einer Ablösesumme von 6 Millionen Euro. Auch lohnmässig ist der 25-Jährige nicht günstig, klappt der Deal, wird Widmer zusammen mit Valentin Stocker (29), Fabian Frei (29) und Zdravko Kuzmanovic (30) einer der Top-Verdiener im Kader sein.
Und er dürfte jene Million bekommen, die Michael Lang vor ein paar Wochen abgelehnt hat. Der FCB hätte mit dem WM-Teilnehmer verlängert, bot ihm einen langfristigen, lukrativen Vertrag. Doch der Rechtsverteidiger entschied sich für die Bundesliga, für Gladbach. Rund 3 Millionen wird der FCB für den Nationalspieler kassieren – und möchte diese Summe in den Widmer-Deal stecken.
Zeichen an die KonkurrenzIronie der Geschichte: Seit Jahren steht Lang seinem Konkurrenten in der Nationalmannschaft vor der Sonne, nun könnte Widmer dessen Nachfolger in Basel werden. Weil er weiss, dass die Chancen, in die Nati zu kommen, beim FCB grösser sind als in Udinese?
Klappt der Widmer-Transfer, dann wäre es auch ein Zeichen an die Konkurrenz aus Bern und Zürich. Wer es schafft, einen langjährigen Serie-A-Verteidiger im besten Alter in die Super League zu lotsen, ist noch immer die Top-Adresse im Schweizer Fussball.
Noch ist der Deal aber nicht in trockenen Tüchern, noch gehts um viel Geld. Zum Vergleich: Mit 4,7 Millionen Euro war Cesar Carignano bisher der kostspieligste Einkauf der Basler Klub-Geschichte, Widmer würde diesen Betrag noch toppen.
FRAUENFELD TG - In Frauenfeld ist eine Frau (55) von einem Mann angegriffen und ausgeraubt worden. Der Täter befindet sich auf der Flucht.
Schock für eine 55-Jährige Frau in Frauenfeld TG! In der Schmidgasse wurde sie am Samstagabend von einem dunkelhäutigen Mann von hinten brutal angegriffen.
Der Mann – laut Kantonspolizei Thurgau soll er zwischen 18 und 25 Jahre alt sein – prügelt völlig überraschend auf die Frau ein, schlägt mehrmals mit den Fäusten gegen ihren Kopf. Sie fällt zu Boden, bleibt dort liegen.
Räuber auf der FluchtDer junge Mann entreisst ihr schliesslich ihren Rucksack und flüchtet. Die Frau wird mit leichten Verletzungen mit der Ambulanz ins Spital gebracht werden.
Der Räuber befindet sich noch auf der Flucht. (fr)
In Büron LU brennt das Dach einer Schreinerei. Die Feuerwehr ist mit einem Grossaufgebot vor Ort. Die Löscharbeiten sind kompliziert.
In einer Schreinerei in Büron LU ist am Sonntagmorgen ein Feuer ausgebrochen. Rund hundert Feuerwehrleute aus der Region Sursee-Willisau standen im Einsatz. Verletzt wurde niemand.
Marianne Wernli, Oberleutnant der Feuerwehr Büron-Schlierbach, sagte auf Anfrage der Agentur Keystone-SDA, der Brand sei kurz vor sechs Uhr gemeldet worden. Betroffen sei das Dach der Schreinerei. Am Gebäude angebaut sei auch eine Wohnung.
Komplizierte Lösch-ArbeitenUm den Flammen Herr zu werden, machten die Einsatzkräfte Öffnungen ins Dach. Gleichzeitig mussten die Feuerwehrleute vor dem Rauch, der Hitze und einem Absturz gesichert werden. Die Arbeiten schritten gut voran, sagte Wernli.
Im Einsatz standen die Feuerwehr Büron-Schlierbach, die Regiowehr Triengen, die Betriebsfeuerwehr der Trisa, die Feuerwehr der Region Sursee und die Feuerwehr Willisau-Gettnau. (SDA)
Istanbul – Zwei Wochen nach den Wahlen sind in der Türkei mehr als 18'600 Staatsbedienstete per Notstandsdekret entlassen worden. Darunter sind tausende Polizisten, Armeeangehörige, aber auch Lehrer und Universitätsmitarbeiter.
Insgesamt werden durch den Gesetzestext 18'632 Staatsbedienstete entlassen. Grund für die Massnahme seien mutmassliche Verbindungen zu Terrororganisationen oder Aktivitäten gegen die Staatssicherheit.
Unter den Entlassenen sind auch rund 1000 Angestellte des Justizministeriums und 650 Angestellte des Bildungsministeriums. Überdies wurde in dem Dekret die Schliessung von zwölf Verbänden, drei Zeitungen und einem Fernsehsender angeordnet. Dagegen wurden 148 durch frühere Dekrete entlassene Beamte wieder in den Staatsdienst aufgenommen.
Nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu handelte es sich um das letzte Dekret vor Aufhebung des Ausnahmezustands. Noch-Ministerpräsident Binali Yildirim hatte am Donnerstag angedeutet, das der Ausnahmezustand am Montag, nach der Vereidigung des Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan, aufgehoben werden könnte. Regulär würde der Notstand am 19. Juli auslaufen.
Erdogan hatte den Ausnahmezustand nach dem Putschversuch vom 15. Juli 2016 erlassen, für den er die Bewegung um den in den USA lebenden Prediger Fethullah Gülen verantwortlich macht. Per Dekret liess Erdogan mehr als 100'000 Staatsbedienstete wegen angeblicher Gülen-Verbindungen entlassen. Zudem wurden mehr als 70'000 Menschen inhaftiert.
Erdogan hatte am 24. Juni die Präsidentenwahlen gewonnen. Mit den gleichzeitig stattfindenden Parlamentswahlen wurde auch der Übergang in ein Präsidialsystem abgeschlossen, das Erdogan mehr Macht verleiht. Unter anderem kann er Dekrete erlassen, die Gesetzeskraft haben.
BERN - Der SFV lässt Jungtalente mit Migrationshintergrund ein Papier unterzeichnen. Damit versprechen sie, die Ausbildungskosten zurückzuzahlen, sollten sie sich für eine andere Nationalmannschaft entscheiden. Doch die Klausel ist juristisch fragwürdig.
25'000 Franken pro Jahr – soviel kostet die Ausbildung eines jungen Fussballters in der Schweiz, wenn das Nachwuchstalent im Förderprogramm Footuro in Auswahlteams speziell gefördert wird. Den acht besten jedes Jahrgangs legt der Schweizerische Fussballverband (SFV) jeweils ein Papier vor, das sie unterzeichnen müssen, sofern sie Doppelbürger sind. Damit sollen sie sich frühzeitig der Schweiz verpflichten und versprechen, später die Ausbildungskosten zurückzuzahlen, sollten sie irgendwann für eine andere Nation entscheiden. Dies berichtet die «Sonntagszeitung».
Denn seit 2003 können Jungtalente mit Migrationshintergrund, die von der U15 bis in die U21 noch für die Schweiz spielten, vor dem Übertritt ins A-Team entscheiden, ob sie nicht doch lieber für eine andere Nationalmanschaft auf dem Rasen stehen würden. Das Geld, das der SFV in die Spieler gesteckt hatte, wäre dann eine sinnlose Investition gewesen.
Vor Gericht kaum durchsetzbarNicht erst seit der Doppelbürger-Diskussion ist dies ein grosses Thema beim Fussballverband. Mit Mladen Petric (Kroatien), Ivan Rakitic (Kroatien), Zdravko Kuzmanovic (Serbien), Kerim Frei (Türkei) und Izet Hajrovic (Bosnien-Herzegowina) hatten sich in den lezten Jahren fünf Doppelbürger mit Schweizer Fussball-Ausbildung für eine andere Nationalmannschaft entschieden. Deshalb hatte der SFV die Strafklausel eingeführt.
Doch diese ist juristisch fragwürdig, vor Gericht liesse sie sich kaum durchsetzen. Das Schweizer Obligationenrecht lässt solche Verträge gar nicht zu. Zudem sind Nationalspieler nicht durch einen Arbeitsvertrag mit dem Verband oder den Nationalteams verbunden. SFV-Direktor Hansruedi Hasler sagt deshalb zur Sonntagzeitung, das Papier sei eher ein «Gentleman's Agreement». Es sei zu verstehen als eine moralische Verpflichtung.
Seit Existenz der Strafklausel hat nie ein Talent die Unterschrift verweigert. Auch musste der Schweizer Fussballverband noch nie Geld einfordern.
Die Säuberungen gehen weiter: Jetzt hat der frisch in seinem Amt bestätigte Türkische Präsident Recep Tayyip Erdoga wieder Zeitungen schliessen lassen, Vereine verboten und 18 000 Staatsangestellte entlassen.
Zwei Wochen nach den Wahlen sind in der Türkei mehr als 18 000 Staatsbedienstete per Notstandsdekret entlassen worden. Darunter sind tausende Polizisten, Armeeangehörige, aber auch Lehrer und Universitätsmitarbeiter, wie aus dem am Sonntagmorgen im Amtsblatt veröffentlichten Dekret hervorgeht. Grund für die Massnahme seien mutmassliche Verbindungen zu Terrororganisationen oder Aktivitäten gegen die Staatssicherheit.
Vereine und Medien geschlossenPer Dekret wurden zudem zwölf Vereine, drei Zeitungen und ein Fernsehkanal geschlossen. Unter den Zeitungen, die ihre Veröffentlichung einstellen müssen, ist die pro-kurdische Zeitung «Özgürlükcü Demokrasi».
Nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu handelte es sich um das letzte Dekret vor Aufhebung des Ausnahmezustands. Noch-Ministerpräsident Binali Yildirim hatte am Donnerstag angedeutet, das der Ausnahmezustand am Montag, nach der Vereidigung des Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan, aufgehoben werden könnte. Regulär würde der Notstand am 19. Juli auslaufen.
Mehr als 70 000 Menschen inhaftiertErdogan hatte den Ausnahmezustand nach dem Putschversuch vom 15. Juli 2016 erlassen, für den er die Bewegung um den in den USA lebenden Prediger Fethullah Gülen verantwortlich macht. Per Dekret liess Erdogan mehr als 100 000 Staatsbedienstete wegen angeblicher Gülen-Verbindungen entlassen. Zudem wurden mehr als 70 000 Menschen inhaftiert.
Erdogan hatte am 24. Juni die Präsidentenwahlen gewonnen. Mit den gleichzeitig stattfindenden Parlamentswahlen wurde auch der Übergang in ein Präsidialsystem abgeschlossen, das Erdogan mehr Macht verleiht. Unter anderem kann er Dekrete erlassen, die Gesetzeskraft haben. (SDA)
Der deutsche Geheimdienst hat halb Österreich ausspioniert. Nach aussen hin gibt man sich in Wien empört. Die Sache ist aber sehr viel komplizierter.
Mit der Freundschaft in Europa ist es so eine Sache. Sie wird oft beschworen, mittlerweile aber knirscht es mächtig im Gebälk. Wie eine Säure frisst sich der Nationalismus durchs Haus Europa – immer mehr Politingenieure warnen immer lauter vor einem Zusammenbruch der Europäischen Union.
Mit der Freundschaft in Europa war es allerdings schon lange so eine Sache, nicht erst, seit die Nationalisten derart populär geworden sind.
Davon zeugt die Spionageaffäre in Österreich. Der deutsche Auslandsgeheimdienst BND hat bei unserem gemeinsamen Nachbarn über Jahre hinweg Ministerien, Moscheen, Unternehmen ausspioniert: Wie SonntagsBlick-Reporter Fabian Eberhard herausgefunden hat, gehören dazu ebenfalls Niederlassungen von Schweizer Konzernen.
Im analogen Zeitalter wurde einzelnen Verdächtigen noch gezielt nachgestellt. In der digitalen Ära hingegen saugen die Nachrichtendienste sämtliche greifbaren Informationen ab – aus dem Meer der Daten hoffen sie dann, verdächtige Muster herauszufischen.
Die Österreicher fühlen sich von einem Freund hintergangen. Wirklich überraschen freilich können die neusten Enthüllungen nicht. Der internationale Online-Datenklau der amerikanischen National Security Agency NSA sorgte schon 2013 weltweit für Empörung. Doch die Daseinsberechtigung von Spionen ist und bleibt nun einmal das Spionieren.
Wirklich verboten ist und bleibt in der Welt der Geheimen nur eines: erwischt zu werden.
Die Schweiz macht da keine Ausnahme. Der Einsatz des gescheiterten Agenten Daniel Moser wurde für unseren Nachrichtendienst einzig darum zum Problem, weil er eben bekannt geworden war.
Wie sagte der stellvertretende Chef des Schweizer Nachrichtendienstes, Paul Zinniker, vor Jahren in einem Interview? «Wir haben natürlich Leute, die im Ausland Informationen beschaffen.» Und ja: Man breche im Ausland das Gesetz. «Wir haben jedoch ethische Richtlinien, wie weit wir gehen dürfen. So ist es uns untersagt, mittels Erpressung oder Einschüchterung an Informationen zu gelangen.»
Noch verstörender: Im Inland setzt die Politik den eigenen Spionen Grenzen. Also kooperieren die Dienste mit ihren sogenannten Partnerdiensten im Ausland. Der Nachrichtendienst des Bundes NDB etwa bezieht viel von seinem Wissen darüber, was in der Schweiz angeblich läuft, aus den USA, nicht wenig auch aus Deutschland.
Dies wiederum bedeutet: Weil sie davon profitieren, drücken unsere Behörden beim Wirken fremder Mächte auf Schweizer Boden komplizenhaft beide Augen zu.
Mit der Freundschaft in der Welt funktioniert es demnach doch ganz flott. Nur leider nicht so, wie man es sich als Befürworter einer liberalen Demokratie vorstellt.
Nach historischen Fotos und einer vagen Zusage von Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un an Donald Trump, das Atomprogramm aufzugeben, kommt nun der zähe politische Alltag zurück. Bis jetzt waren all die Versprechungen aus Nordkrorea beim Gipfeltreffen im Juni nichts als warme Worte. Nach einem Arbeitsbesuch von US-Aussenminister Mike Pompeo wird der Ton nun wieder rauher.
Die Annäherung zwischen den USA und Nordkorea hat einen Dämpfer erhalten: Das nordkoreanische Aussenministerium warf den USA nach einem Besuch von Aussenminister Mike Pompeo «gangstermässige» und «gierige» Forderungen vor.
Pompeo reiste am Sonntag nach Japan weiter. Dort bekräftigte er, die Sanktionen gegen Nordkorea blieben bis zur «endgültigen» Denuklearisierung in Kraft.
Pompeo habe «einseitige und gangstermässige» Forderungen in der Atomfrage gestellt, sagte ein Sprecher des nordkoreanischen Aussenministeriums laut der staatlichen Nachrichtenagentur KCNA.
«Guten Willen und Geduld missverstanden»Zugleich habe er keine konstruktiven Schritte seitens der USA angeboten. »Es sieht so aus, als hätten die USA unseren guten Willen und unsere Geduld missverstanden», sagte der Sprecher. Die Hoffnung auf einen konstruktiven Vorschlag der USA sei «naiv» gewesen.
Pompeo wies während seines Besuchs in Tokio die Darstellung Pjöngjangs zurück. Bei den Gesprächen seien Fortschritte erzielt worden. Die Verhandlungen würden in «gutem Glauben» fortgesetzt. «Wenn diese Forderungen gangstermässig waren, dann ist die Welt ein Gangster, denn es gab eine einstimmige Entscheidung im UN-Sicherheitsrat dazu, was erreicht werden muss», sagte Pompeo am Sonntag.
Sicherheitsgarantien in Aussicht gestelltDie USA seien «ermutigt von den Fortschritten» der Gespräche in Pjöngjang, Fortschritte allein rechtfertigten aber nicht die Lockerung der bestehenden Sanktionen. Diese blieben bis zur endgültigen Denuklearisierung Nordkoreas in Kraft.
Zugleich stellte Pompeo einige Sicherheitsgarantien während dieses Prozesses in Aussicht. Die Definition von Denuklearisierung sei weit, und Nordkorea verstehe das und habe dies auch nicht angefochten.
Pompeo war nach zwei Tagen intensiver Gespräche in Pjöngjang nach Tokio weitergereist. Im Kurzbotschaftendienst Twitter sprach er von einem «konstruktiven Treffen» mit seinem japanischen Amtskollegen. Dabei sei die «Aufrechterhaltung des maximalen Drucks» auf Pjöngjang diskutiert worden. Anschliessend kam Pompeo mit Japans Regierungschef Shinzo Abe zusammen. Dieser bekräftigte, die Lösung des Atomkonflikts mit Nordkorea sei entscheidend für die Stabilität in der Region, aber auch weltweit.
Ist Nordkorea-Kritik reine Taktik?Der nordkoreanische Machthaber Kim Jong Un hatte im Juni bei einem historischen Gipfeltreffen mit US-Präsident Donald Trump die vollständige Denuklearisierung seines Landes zugesagt. Genauere Definitionen, ein Zeitplan oder Kontrollmassnahmen wurden jedoch nicht genannt, weshalb die Vereinbarung als zu vage kritisiert wird.
Experten sehen in der Kritik Pjöngjangs an Pompeo Taktik. Nordkorea wolle einen Keil zwischen Trump und seine ranghöchsten Beamten treiben und versuche so, in weiteren Gesprächsrunden die Oberhand zu. (SDA)
PORT-AU-PRINCE (HAITI) - Bei heftigen Protesten gegen eine geplante Erhöhung der Treibstoffpreise in Haiti sind Medienberichten zufolge mindestens sieben Menschen ums Leben gekommen. Die Regierung krebst nun zurück.
Tödliche Proteste gegen Benzinpreiserhöhung in Haiti. Mindestens sieben Menschen sind gestorben. Sie seien bei Plünderungen im Port-au-Prince getötet worden, berichtete die Nachrichtenagentur HPN am Samstag. Auch die Polizei sprach von Todesopfern, nannte allerdings keine genaue Zahl.
Zahlreiche Menschen hatten zuvor gegen eine kräftige Erhöhung der Benzinpreise protestiert. Demonstranten steckten in der Hauptstadt Port-au-Prince Strassensperren in Brand, plünderten Geschäfte, griffen Hotels an und zündeten Autos an, wie der Radiosender Metropole berichtete. Vereinzelt fielen Schüsse.
Flughäfen geschlossen — Regierung krebst zurückAuch in anderen Städten wie Cayes, Jérémie, Cap-Haitien und Jacmel kam es zu heftigen Protesten. Die Flughäfen des Landes wurden geschlossen.
Die Regierung nahm die Preiseinhöhung von bis zu 50 Prozent daraufhin vorerst zurück. «Wir verurteilen die Gewalt und den Vandalismus», schrieb Premierminister Jack Guy Lafontant auf Twitter.
Haiti gilt als ärmstes Land der westlichen Hemisphäre. Der Karibikstaat ist weitgehend von Hilfszahlungen aus dem Ausland abhängig, es herrschen verbreitet Korruption und Gewalt. (SDA)
Berlin – Der deutsche Innenminister Horst Seehofer (CSU) hält den Konflikt mit Kanzlerin Angela Merkel (CDU) über die Asylpolitik für beendet. «Wir schauen nach vorne», sagte Seehofer der «Bild am Sonntag».
Er könne weiter vertrauensvoll mit Merkel zusammenarbeiten. Dies sei auch die Pflicht und Verantwortung gegenüber der Bevölkerung. «Niemand von uns hat den Fortbestand der Regierung in Frage gestellt - zu keinem Zeitpunkt», betonte Seehofer. «Wir haben um die Lösung einer Sachfrage gerungen und wir haben am Ende eine gute Lösung gefunden.»
Der Streit in der Union hatte sich an der Forderung Seehofers entzündet, bereits in anderen EU-Staaten registrierte Flüchtlinge auch im nationalen Alleingang an der Grenze zurückzuweisen. Merkel lehnte dies ab und forderte eine europäische Lösung.
Nach der Beilegung des erbitterten Streits von CDU und CSU hatten sich am Donnerstag auch Union und SPD darauf verständigt, dass Flüchtlinge, die in einem anderen Land Asyl beantragt haben, an der Grenze ein «Transferverfahren» durchlaufen sollen. Innerhalb von 48 Stunden sollen sie in das Ersteinreiseland in der EU zurückgeschickt werden, sofern mit diesem eine entsprechende Vereinbarung besteht.
Seehofer sagte der «Bild am Sonntag», er rechne nach dem Asylkompromiss der Grossen Koalition mit einem spürbaren Rückgang der Asylbewerberzahlen. Was in der Vereinbarung zwischen Union und SPD festgehalten sei, dokumentiere die Asylwende in Deutschland, sagte der CSU-Chef. Entscheidend sei, dass die Regierung endlich handele und Menschen, die schon in anderen EU-Mitgliedstaaten einen Asylantrag gestellt haben, dorthin zurückweise.
Dass die geplanten Massnahmen nur relativ wenige Migranten betreffen würden, sei zweitrangig. «Entscheidend ist das Signal, dass sich weniger nach Deutschland aufmachen, weil sie wissen, dass sie zurückgewiesen werden», sagte Seehofer.
In der Stadt Zürich kam es am Samstagabend zu einem Vorfall. Ein Mann verfolgte eine Gruppe Passanten im Kreis 3 mit einem Messer. Verletzte gab es keine. Gemäss BLICK-Informationen handelte es sich um eine gezielte Attacke gegen orthodoxe Juden.
Aufregung im Zürcher Kreis 3 am Samstagabend: Ein Mann verfolgte eine Gruppe Passanten mit einem Messer in der Hand. Der Angreifer konnte von einem Mann gestoppt werden. Verletzte gab es keine.
Die Stadtpolizei Zürich bestätigt den Vorfall. «Wir haben einen Mann im Kreis 3 festgenommen. Er wird gerade befragt», sagt ein Sprecher auf Anfrage.
Gezielte Attacke auf JudenGemäss BLICK-Informationen handelte es sich beim Angriff um eine gezielte Attacke. Der Angreifer verfolgte eine Gruppe orthodoxe Juden. Er gab während der Verfolgungsjagd antisemitische Parolen von sich.
Die Stadtpolizei Zürich wollte dies auf Anfrage vorerst nicht bestätigen. Auch zur Identität des Täters machten die Behörden keine Angaben. Die Ermittlungen laufen. (nim)
Das Asylproblem ist der Fetisch von Europas Politik. Das lenkt von anderen Versäumnissen ab.
Karl Marx gilt als verstaubt, vergilbt und überholt. Der Gegensatz zu Sebastian Kurz könnte nicht grösser sein. Der österreichische Regierungschef mit dem jugendlichen Gesicht ist Europas Politiker der Stunde. Umso bemerkenswerter ist, was der Kanzler mit der Gelfrisur diese Woche geschafft hat – er bringt eine These aus der linken Klamottenkiste in Erinnerung: Nach dieser bewirtschaftet die Elite Ressentiments gegen Minderheiten, um die Arbeiterschicht zu spalten und schuften zu lassen.
Genau diesem Muster scheint Kurz' Politik – eine Mischung aus Migrationskritik und Wirtschaftsliberalismus – derzeit zu folgen. Für diese Beobachtung muss man kein rotverbrämter Ideologe sein. Für die Öffentlichkeit ist das diese Tage so greifbar geworden wie das glatte Antlitz des 31-Jährigen.
So liefern sich der Kanzler und sein Vize, FPÖ-Mann Heinz-Christian Strache, mit dem deutschen Innenminister Horst Seehofer (CSU) einen Wettlauf um die härteste Asylpolitik. Am Donnerstag kam es in Wien zum Schaulaufen; stolz wurde ein Pakt mit den Plänen für «Transitzentren» verkündet.
Der Notstand wird beschworen – trotz gegenteiliger TrendsDass der Asylstrom auf dem tiefsten Stand seit 2015 und die Balkanroute geschlossen ist, hält die Minister nicht davon ab, voll auf die Flüchtlingskarte zu setzen: Trotz gegenteiliger Trends wird der Notstand beschworen. Die Schweiz kennt das von der SVP-«Asylchaos»-Rhetorik.
Nun ist das nur die eine Hälfte des österreichischen Coups. Die andere ist ein politischer Geniestreich: Zeitgleich zum Asyltheater kommuniziert die Regierung Kurz den Zwölfstundentag – Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer im östlichen Nachbarland sollen künftig länger malochen dürfen.
Doch die Öffentlichkeit labt sich längst am «Asylstreit». Die Arbeitgeber wirds freuen. Und der kommunistische Vordenker mit dem Nikolausbart würde sich bestätigt fühlen.
Der Vorgang ist bezeichnend für den gegenwärtigen Zustand der Europäischen Union: Der Kontinent steht täglich vor dem gefühlten Abgrund, seine Politiker wandeln im Apokalypse-Modus – obwohl die Wirtschaft brummt. Das deutsche Bruttoinlandprodukt ist so gross wie nie. Die Arbeitslosigkeit ist europaweit auf dem Tiefststand seit 2008, wie neuste Zahlen von letzter Woche zeigen. Von Athen bis Amsterdam steigt die Beschäftigung.
Die Politiker lenken von ihrem Versagen abAuch wenn die Migration unbestritten reale Probleme bringt – das Asylthema ist zum Fetisch von Europas Politikern geworden, die mit ihrer Spiegelfechterei um Wähler buhlen und die europäische Solidarität über Bord werfen, während auf hoher See Migranten ertrinken – die Deutschen wünschen die Flüchtlinge nach Österreich, die Österreicher nach Italien, die Italiener nach Polen, die Polen nach Tschechien, die Tschechen nach Afrika. Einziger Konsens ist die Abriegelung der EU-Aussengrenze.
In Deutschland besteht der Kollateralschaden des Manövers aus geschwächten Unionspartnern und einer wankenden Kanzlerschaft Angela Merkels. In Italien, dem von der Einwanderung gebeutelten Mittelmeerland, das vom Norden im Stich gelassen wird, besteht die Quittung aus einem neofaschistischen Triumph in Rom.
Dabei gibt es tatsächlich Herausforderungen: Von Berlin-Neukölln über Bradford, Brüssel-Molenbeek und Saint-Denis bis Wien-Ottakring ist die Integrationspolitik kläglich gescheitert. Doch von ihrem Versagen lenken Europas Politiker lieber ab. Stattdessen dient die neue Asylhärte – um Marx zu bemühen – als Opium fürs Volk.
Ernst & Young beschäftigt in Indien 20 Mitarbeiter, die pro Jahr 4000 bis 5000 Schweizer Steuererklärungen ausfüllen. Für den Wirtschaftsprüfungskonzern rechnet sich das. Die Auslagerung hat aber ihre Tücken.
Raphael Iseli (31), Berater beim Wirtschaftsprüfungskonzern Ernst & Young (EY), muss schmunzeln, wenn er an seine Zeit in Indien zurückdenkt: «Es gab schon ein paar kuriose Situationen.»
Iseli war im Auftrag von EY elf Monate in Chennai, einer Millionenstadt im Südosten des Halbkontinents. Dort brachte er 20 indischen EY-Mitarbeitern bei, wie man Schweizer Steuererklärungen ausfüllt.
«Einmal tauchte im Liegenschaftenverzeichnis eines Klienten eine Immobilie im Land ‹Truthahn› auf», erzählt Iseli lachend. Ein indischer Kollege habe den englischen Begriff «Turkey» mithilfe von Google Translate auf Deutsch übersetzt. Und weil «Turkey» im Englischen nicht nur Türkei bedeutet, sondern auch Truthahn, sei es zur Verwechslung gekommen.
«Solche Kommunikationsprobleme waren aber die Ausnahme», versichert Iseli. Einige der indischen Kollegen würden sogar fliessend Deutsch und Französisch sprechen. Die übrigen Mitarbeiter lernten einfach die relevanten Begriffe.
In der IT macht den Indern niemand was vor«Wichtiger als die Sprache ist aber ohnehin, dass die indischen Mitarbeiter ein Bewusstsein dafür entwickeln, was für Formulare sie da genau ausfüllen.» Wenn sie die Bedeutung und Logik hinter den Zahlen verstünden, müssten sie die Sprache gar nicht perfekt können. «Dann merken sie zum Beispiel, dass etwas nicht stimmen kann, wenn der Zinsertrag höher ist als der Kontostand.»
Die meisten Mitarbeiter hätten sich dieses Verständnis mittlerweile erarbeitet. Iseli: «Die Qualität stimmt und wird laufend noch besser. Und betreffend IT-Fachwissen macht den Indern sowieso niemand etwas vor.»
Auch Daniel Gentsch (45), bei EY Schweiz für die Zusammenarbeit mit Indien verantwortlich, ist zufrieden. Er betont aber, dass längst nicht alle Steuererklärungen, die EY anvertraut werden, in Indien ausgefüllt werden. «Die 4000 bis 5000 Steuererklärungen, die von unseren indischen Kollegen bearbeitet werden, betreffen fast ausschliesslich Expats, ausländische Fachkräfte, die in der Schweiz für Grosskonzerne arbeiten.»
Solche Steuererklärungen seien in der Regel relativ einfach und ohne spezifisches Steuer-Know-how auszufüllen. «Um komplizierte Steuererklärungen von Firmen und vermögenden Privatpersonen kümmern sich unsere Steuerexperten in der Schweiz.» Und auch bei den Steuererklärungen, die in Indien ausgefüllt werden, würden diese Berater die abschliessende Kontrolle machen.
Monatslohn: 400 FrankenEY hat vor drei Jahren begonnen, indischen Mitarbeitern das Ausfüllen von Schweizer Steuererklärungen beizubringen. Ob sie das in fünf oder zehn Jahren noch immer machen werden, steht jedoch in den Sternen. «Die Arbeit der indischen Kollegen wird in Zukunft von Computerprogrammen übernommen. Da arbeiten wir intensiv daran.» In den USA gebe es bereits heute Apps, die auf dem Lohnausweis automatisch die für die Steuererklärung relevanten Zahlen erkennen.
Gentsch spricht Klartext: «Es ist alles eine Frage der Kosten. Der globale Konkurrenzkampf ist knallhart. Da hat man gar keine andere Wahl, als ständig zu optimieren.»
Ein Blick zur Konkurrenz gibt ihm recht. Deloitte Schweiz schreibt auf Anfrage, dass man eng mit Kolleginnen und Kollegen in Rumänien und Indien zusammenarbeite – und das nicht nur für Steuererklärungen.
Die EY-Angestellten, die in Indien Schweizer Steuererklärungen ausfüllen, verdienen umgerechnet rund 400 Franken im Monat. Was nach wenig klingt, sei in Indien viel. «Ein Mittagessen bekommt man in Chennai ab 30 Rappen», so Raphael Iseli. Er selbst fühlte sich in Indien privilegiert: «Die Gastfreundschaft und Herzlichkeit der Menschen werde ich nie mehr vergessen. Es war eine wunderbare Erfahrung!»
Moderator Kurt Aeschbacher muss auf Ende Jahr mit seinem Unterhaltungs-Talk aufhören. Doch was hat das SRF in Zukunft mit diesem wichtigen TV-Format im Sinn? SonntagsBlick hat sich in der Branche umgehört und präsentiert potenzielle Nachfolger.
Das neue, fremdartige Format nannte sich «Je später der Abend», und die Schweizer TV-Zuschauer schauten skeptisch, aber doch neugierig zur ARD, als der irre Klaus Kinski (†65) im Studio einen Zuschauer verbal niederwalzte. So begann in den 1970er-Jahren das grosse TV-Geschwätz. Mal klüger, mal unerträglich.
Die Herstellung solcher Sendungen war nicht teuer, das merkte man vor 17 Jahren schliesslich auch beim Schweizer Fernsehen. Damals moderierte Kurt Aeschbacher (69) sein experimentelles «Casa Nostra». Doch der Samstagabend begann sein Publikum zu verlieren, und so schlug ihm der damalige Unterhaltungschef Marco Stöcklin (66) vor, weniger auf Paradiesvogel zu machen und eher eine brave Talkshow abzuliefern. Was er bis heute einfühlsam tut und nun trotzdem auf Ende Jahr abgewürgt wird.
«Kluge Sendungen, in denen sich Menschen öffnen können»Gefragt sind heute Promi-Talks mit Moderatoren, die Fragen abspulen, welche ihnen die Redaktion ins Ohr flüstert. Der Gesellschaftstalk à la Aeschbi ist ein Auslaufmodell. Der Trend läuft in eine andere Richtung – vor allem weg vom unterhaltsamen Gespräch. SRF setzt auf gleichförmige Sendungen wie «Arena», «Club»,«Eco-Talk» oder «Rundschau Talk», wobei eigentlich nur einer Profil zeigt: Roger Schawinski (73). Ihm droht nach dem Abgang von TV-Direktor Ruedi Matter (64) wohl das gleiche Schicksal wie Aeschbacher.
In Deutschland boomen die Polit-Talkshows. Doch nur noch solche, in denen sich Politiker die Köpfe einschlagen. Kürzlich forderte der deutsche Kulturrat ein Sabbatical für Maischberger & Co., weil so nur Populismus und Hass befeuert würden. Ist die unterhaltende Talkshow also tot? «Kluge Sendungen, in denen Menschen Raum bekommen und sich öffnen können, funktionieren im TV durchaus noch», sagt Werber Frank Baumann (60), der mit seinen erfrischenden Gesprächen mit Hundertjährigen («Das volle Leben») bewies, dass es neue Ansätze für Talkformate gibt.
Gesucht sind Brückenbauer, die sich nicht zu ernst nehmenWas sind die Anforderungen an einen guten Talker? Es braucht Moderatoren, die sich selber nicht zu ernst nehmen und zuhören können. Das wird im Alter einfacher, als wenn man als Jungspund um Anerkennung kämpft. Nik Hartmann (46) verfügt über diese Reife, aber man hat ihn in den letzten Jahren zu stark auf Wanderkumpel getrimmt. Fakt ist: Wer Themen assoziativ verknüpfen kann, gute Bücher liest und in der Kulturszene verkehrt, kann Brücken bauen.
Nicht zu unterschätzen: Öffentlich-rechtliches Fernsehen hat nebst vielem die Aufgabe, unbekannten Menschen den Puls zu fühlen und ihre Erfahrungen zu reflektieren. Gerade in der Schweiz, welche auf den gesunden Menschenverstand des Stimmbürgers setzt. «Normale» Personen sollten nicht bloss als Zuschauermenge und Werbekonsumenten funktionieren.
Unterhaltungstalks verkommen zum BeigemüseEbenso wichtig: Eine Talkshow braucht Kontinuität. Die «NDR Talkshow» ist seit 1979 Kult. Seit zehn Jahren sind Barbara Schöneberger (44) und Hubertus Meyer-Burckhardt (61) erfolgreich am Zug. Unspektakuläre, doch höchst unterhaltsame Sendungen wie «Nachtcafé», «Kölner Treff» oder «Riverboat» bringen zwar nicht die Mega-Quote, sind aber imagefördernd und dienen als Marke.
SRF verlagert seinen Unterhaltungstalk in Randzonen. So liess man Mona Vetsch (43) bei den Olympischen Spielen den Late-Talk «Chaempieon» moderieren. Tom Gisler (42) versammelt an der Fussball-WM in «Letschti Rundi» Gesprächsfreudige, und Viola Tami (37) lädt diesen Sommer zum «Talk am Grill» (ab heute Abend). Durchaus ähnliche Qualitäten zeigte «Schweiz aktuell»-Moderatorin Katharina Locher (32) in der Gartensendung «Hinter den Hecken». Sie kann nicht nur auf Botanisch Fragen stellen, sie ist auch jung und adrett.
Der Anspruch: Gutes Mundwerk, Empathie und breiter HorizontEin Sonderfall ist Ralph Wicki (56). Ein sensitiver Naturmensch, der Lebensenergie auf einer Tropeninsel tankte. Jetzt orakelt er bei Radio SRF 1 durch die Nacht. Er ist einfühlsam, seine ersten Gehversuche als Retro-Pilgerer bei «Schweiz aktuell» vor Jahresfrist lassen allerdings zweifeln, ob TV sein Medium ist.
Alle Genannten haben ein gutes Mundwerk, besitzen Empathie und verfügen über einen breiten Horizont. Aber können sie Kurt Aeschbacher je das Wasser reichen?
Er selber will sich nicht in die Talk-Zukunft von SRF einmischen. Er sagt nur: «Man muss zuhören können und die Seele öffnen, um auf den wahren Kern eines Menschen zu stossen. Dazu muss man sich auf Augenhöhe bewegen.»
Am 15. Juli 2015 brachte Angela Merkel mit ihrer Gefühlskälte ein Flüchtlingskind zum Weinen. Das ging der Kanzlerin zu Herzen. Wenig später wollte sie es besser machen – Ende August prägte Merkel den berühmten Satz: «Wir schaffen das.»
Der 15. Juli 2015 hat das Leben von Reem Sawihl für immer verändert. An diesem Tag traf die damals 14-jährige Tochter palästinensischer Flüchtlinge auf Angela Merkel. Es geschah bei einem Bürgerdialog im ostdeutschen Rostock. Mit dabei: Journalisten und viele Kameras. Reem erzählte der Kanzlerin von ihren Träumen und Hoffnungen und davon, dass ihr die Ausschaffung in den Libanon drohe. Merkel ihrerseits eröffnete dem Mädchen in steifem Ton: «Wir werden nicht alle Flüchtlinge aufnehmen können. Das können wir nicht schaffen.»
Da fing das Mädchen an zu weinen.
Man spricht leichthin über Asylsuchende. In Wahrheit aber ist es das schwierigste politische Thema überhaupt. Anders als die sogenannten Gastarbeiter, über die Max Frisch in den 1960er-Jahren schrieb, hat man sie nicht gerufen. Und doch sind es Menschen, die da kommen.
Die These klingt romantisch. Ganz falsch dürfte sie gleichwohl nicht sein: Intuitiv flucht der eine oder andere darum so böse über Flüchtlinge und Migranten, weil er nicht in die gleiche Situation geraten will, wie damals Angela Merkel. Man will die Menschen nicht an sich herankommen lassen, nichts mitkriegen von ihren Geschichten und Gefühlen.
Denn der 15. Juli 2015 hat auch das Leben von Angela Merkel verändert.
Als Reem Sawihl nicht aufhörte zu schluchzen, trat die Kanzlerin auf sie zu, sprach ihr Mut zu, streichelte sie. Wenig später holte Merkel aus zur ganz grossen humanitären Geste. Nun wollte sie plötzlich alle aufnehmen – 890 000 Flüchtlinge sollten bis Ende 2015 nach Deutschland kommen. Nun hiess es nicht mehr: «Das können wir nicht schaffen.» Am 31. August 2015 sagte Angela Merkel: «Wir schaffen das.»
Klar: Die Lage an der serbisch-ungarischen Grenze war damals prekär. Die Polizei ging gewaltsam gegen Tausende Flüchtlinge vor. Und ja: Wien bat Berlin um Unterstützung.
Es dürfte aber die Begegnung mit Reem Sawihl gewesen sein, die Merkel für derlei Hilferufe überhaupt empfänglich gemacht hatte.
Inzwischen ist die humanitäre Euphorie in Deutschland verflogen. Zu viele hatten den Eindruck, Deutschland schaffe es eben doch nicht. Wähler, Politiker, Beamte fühlten sich von den Ereignissen des Jahres 2015 selber ganz geschafft.
Wenn die deutsche Politik heute lautstark über einen härteren Umgang mit Flüchtlingen und Migranten spricht, so wirkt das angesichts tiefer Asylzahlen für viele überraschend. In Wirklichkeit freilich reiht sich diese Debatte in einen bereits länger anhaltenden Trend.
Am prägnantesten zum Ausdruck kommt diese Entwicklung in der Schutzquote, das ist jene Zahl, die zeigt, wie viele Asylsuchende in einem Land bleiben dürfen. Ende 2016 lag die Quote in Deutschland bei 65 Prozent. Im März 2017 waren es 46,5 Prozent. Heute ist man bei 32 Prozent.
Reem Sawihl übrigens hat mittlerweile eine Niederlassungsbewilligung. Auch durfte sie schon Angela Merkel im Kanzleramt besuchen.
Heute wäre es gewiss kein Schaden, könnte Innenminister Horst Seehofer vor laufender Kamera auf ein Flüchtlingskind treffen. Gleich 890 000 Menschen muss er ja nicht aufnehmen, etwas mehr menschliche Wärme würde ihm indes guttun.
Nach dem WM-Aus titelte der «Tages-Anzeiger»: «Sie sind doch nicht so gut». Die Schlagzeile ist Sinnbild für den Umgang der Schweiz mit ihrer Nati: Gewinnt sie, sind «wir» eine Runde weiter. Verlieren wir, haben «sie» versagt.
Captain Lichtsteiner machte aus Solidarität mit seinen albanisch-stämmigen Teamkollegen den Doppeladler. Für viele Fans scheint Solidarität dagegen ein Fremdwort zu sein. Wer während eines Spiels versucht, ein «Hopp Schwiiz» anzustimmen, hat nur Erfolg, wenn das Team in Führung liegt. Richtig gut sind Schweizer Fans nur beim Nörgeln. In Bestform pfeifen wir gar die eigenen Spieler aus – selbst am Tag der WM-Qualifikation. Auch der Fussballverband könnte unsolidarischer nicht sein. Nach dem WM-Aus entfacht er ohne Not eine Doppelbürger-Debatte – ein Schlag ins Gesicht für die
15 Nati-Spieler mit zwei Pässen.
Die Nati hat gegen Schweden eine enttäuschende Leistung gezeigt und ist zu Recht im Achtelfinale gescheitert. Der Verband und die Schweizer Fans hätten den Einzug ins Viertelfinale aber auch nicht verdient gehabt. Wäre unsere Leistung massgebend, hätten wir uns gar nicht erst für die WM qualifiziert.
Er war nicht der talentierteste, aber einer der angriffigsten Fahrer im Feld: Rolf Järmann. Genau so wie er fuhr, spricht er auch – ohne Schnörkel.
BLICK: Rolf Järmann, wird heute weniger gedopt als noch vor 20 Jahren?
Rolf Järmann: Davon bin ich überzeugt. Der Radsport ist sauberer geworden – aber nicht gerechter.
Wie meinen Sie das?
In den 90er Jahren dopten eigentlich alle. Auch ich. Es war unmöglich, Rennen nur mit Wasser und Brot zu gewinnen. So schlimm es tönen mag: Damals hatte wenigstens jeder die gleichen Voraussetzungen.
Das ist heute nicht mehr so?
Einerseits nicht, weil viele sauber sind. Anderseits sind die Kontrollmechanismen derart gut, dass man viel Geld braucht, um versteckt zu dopen und alles gut zu vertuschen. Zu meiner Zeit reichten 4000 Franken, um eine Jahresration EPO zu besorgen. Und wir spritzten, wann immer wir wollten.
Tönt fast so, als wäre es damals besser gewesen...
Um Gottes Willen! Der Kampf gegen Doping lohnt sich und ich bin froh, dass die Hemmschwelle zu dopen heute viel grösser ist als damals. Zu meiner Zeit vergass man beinahe, dass man etwas Verbotenes machte.
Sie wehrten sich zu Beginn gegen Doping.
Genau. Der Teamarzt gab mir zwar EPO. Aber ich spritzte es nie, warf alles fort. Das war 1994. Ich wollte allen beweisen, dass es auch ohne Doping geht.
Warum zogen Sie es nicht durch?
Mich hat nie jemand gezwungen, EPO zu nehmen. Aber als ich merkte, dass ich sauber keine Chance auf den Sieg habe, wurde ich schwach und begann zu dopen. Hätte ich es nicht getan, wäre meine Karriere vorbei gewesen.
Sie erklärten einmal, dass sie auch aus finanziellen Gründen weiter machten.
Es war der einfachere Weg, als mein Leben auf den Kopf zu stellen. Ich hatte Familie, ein Haus und hätte nicht gewusst, was ich sonst hätte tun sollen.
Hatten Sie auch ein schlechtes Gewissen?
Ja. Aber ein derart moralischer Mensch war ich nicht, um mich zu wehren und mit Doping aufzuhören.
Dennoch hatten Sie Mühe, sich in der Apotheke EPO zu holen...
Verrückt, aber genau das war damals möglich. Mein Puls schoss in die Höhe, als ich die Apotheke betrat. Waren andere Leute da, kaufte ich einfach Lutschtabletten und ging wieder. Klar, die Situation belastete mich. Aber ich habe alles in mich hineingefressen.
Warum erzählten Sie ihrer Frau nie, dass sie dopten?
Ich wollte meine Familie schützen. Sie hätten immer Angst um mich gehabt – das wollte ich vermeiden. Vor dem Tour-Skandal 1998 wusste niemand, was wirklich abging. Nur die Fahrer, die Teams und die Ärzte. Alle anderen hielt man raus. Es war besser so.
Warum hatten das Festina-Erdbeben keine reinigende Wirkung?
Am Anfang der Saison 1999 war ich überzeugt: Fast alle sind nun sauber. Ich hatte mich getäuscht, man war einfach vorsichtiger geworden. Angst hatten die Fahrer dabei weniger vor den Dopingjägern, dafür mehr vor der Polizei. Im Gefängnis zu landen, wäre ein Albtraum gewesen.
Trotzdem wurden in den folgenden Jahren viele erwischt: Ullrich, Pantani, Armstrong, Winokourow...
Man hat 1998 eine grosse Chance verpasst. Damals hätte man bei Null anfangen können. Dafür hätte man aber allen Fahrern Straffreiheit garantieren sollen, damit alle auspacken. So aber wurde viel unter den Tisch gekehrt.
Sie hörten auf zu dopen, oder?
Ja. Es tönt seltsam, aber der Festina-Skandal freute mich wirklich und ich dachte, dass ich mit perfektem Training wieder grosse Rennen würde gewinnen können.
Mitte 1999 traten Sie zurück...
Während der Tour de Suisse merkte ich, dass etwas nicht stimmen kann. Und zwar schon auf der ersten Etappe nach Lausanne. Ich war super drauf, hatte tolle Beine – und wurde trotzdem abgehängt. Es wurde mir klar: Will ich wieder gewinnen, muss ich erneut anfangen zu dopen. Innert 24 Stunden gab ich meinen Rücktritt bekannt.
Warum haben Sie nicht einfach wieder mit Doping angefangen?
Ich wollte nicht mehr, hatte es satt. Und ich war 33 Jahre alt, hätte innert drei bis vier Jahren sowieso aufgehört. Zudem hatte ich Angst um meine Gesundheit. Denn um top zu sein, hätte ich die Dosierung erhöhen müssen. Das war mir zu heiss.
Im Jahr 2000 beichteten Sie im BLICK alles.
Eine gute Entscheidung. Nie mehr musste ich lügen. Und erstaunlicherweise liessen mich die Journalisten auch in Ruhe.
Wie meinen Sie das?
Ich denke, die meisten waren überfordert mit der Situation. Und schliesslich hatte ich ja alles erzählt. Es gab nur noch einen Auftritt in der Rundschau.
Am Samstag startete die Tour de France. Muss man davon ausgehen, dass jeder Etappensieger auch gedopt ist?
Nein. Heute kann man Rennen auch ohne Doping gewinnen. Das ist ein wichtiges Zeichen an die jungen Fahrer, die nach oben drücken.
Ist es auch möglich, die ganze Tour ohne Doping zu gewinnen?
Die Wahrscheinlichkeit ist zumindest da. Zu meiner Zeit wäre das unmöglich gewesen.
Wer wird in drei Wochen zuoberst auf dem Podest sein?
Hoffentlich ein angriffiger Fahrer. Am liebsten nicht Froome.
Warum nicht?
Wenn er ein bisschen Rückgrat gehabt hätte, hätte er pausiert, bis die Ergebnisse der Untersuchung da gewesen wären. Salbutamol ist nicht einfach in jedem Sirup. Das geht für mich nicht auf, wenn er sagt, dass er krank sei und dieses Asthma-Mittel brauche, dann aber einfach weiterfährt.
Sie sind heute selbstständig und arbeiten im Bereich Web-Applikationen. Haben Sie mit Radsport abgeschlossen?
Ich liebe den Radsport noch immer, klebe aber nicht bei jedem Rennen vor dem TV. Einen grossen Traum habe ich aber noch...
Welchen?
Ich will mit meinem Wohnmobil eines Tages an je drei Tour-Etappen in den Alpen und Pyrenäen reisen. Den Fahrern eine Cola-Büchse hinhalten und mit anderen Rad-Fans bis spät in die Nacht über das Rennen plaudern.
*****
So lief der Festina-Skandal8. Juli 2018, Die Zollkontrolle: Willy Voet (53) ist auf dem Weg nach Calais. Der belgische Masseur will die Fähre zum TdF-Start nach Dublin erreichen. Um 05.40 Uhr versucht er, auf dem «Schmuggelweg» beim französischen Dorf Neuville nach Belgien zu fahren. Eine Grenzpatrouille stoppt den persönlichen Betreuer der Festina-Fahrer Richard Virenque (Fr) und Laurent Dufaux (Sz). Voets offizieller Festina-Materialwagen ist voll mit Dopingprodukten: 234 EPO-Flakons, 80 Ampullen Wachstumshormon und 160 Einheiten Testosteron. Die Mittel hat er in der Schweiz und in Deutschland gekauft. Auf seiner Fahrt von Lyon durch die Schweiz, Deutschland und Belgien sind ihm die Fahnder gefolgt. Es gilt als sicher, dass die Dopingfahnder einem Hinweis aus der Veloszene folgten. Im Juni wurde damals Festina-Fahrer Christophe Moreau (Fr) mit Anabolika erwischt, sein Masseur entlassen. Hat sich dieser mit einem Tipp gerächt?
10. Juli, Die erste Lüge: Festina-Teamchef Bruno Roussel lügt, Voet sei nicht für die Tour vorgesehen. Voet kommt in U-Haft, die Anklage: Schmuggel und Mitführen verbotener Substanzen. Zum Sport: Boardman (Gb) gewinnt den Prolog (5,6 km). Die Festina-Profis glänzen mit einem phänomenalen Start: 5. Moreau (Fr), 7. Zülle, 8. Dufaux (beide Sz), 14. Virenque, 16. Brochard (beide Fr)!
12. Juli, Auch Zülle lügt: «Zülle droht Ausschluss», titelt der SonntagsBlick. Der St. Galler will deswegen nicht mehr mit uns reden – beruhigt sich aber. Masseur Voet erklärt: «Die Ampullen waren für den Eigenbedarf bestimmt.» Zülle sagt: «Voet kenne ich kaum. Ich bin sauber.»
14. Juli, Das erste Geständnis: Voet gibt zu Protokoll, auf Anordnung von Festina gehandelt zu haben. Und: Es sei nicht seine erste Mission gewesen. Die Direktion dementiert. Festina-Arzt und Voet-Freund Eric Rijckaert erklärt, den Fahrern nie Doping ausgehändigt zu haben.
15. Juli, Chefs werden verhaftet: Roussel und Dr. Rijckaert werden verhaftet. Der Arzt schwört beim Leben seiner Kinder, den Fahrern nie unerlaubte Mittel verabreicht zu haben! Materialwagen und Bus von Festina werden durchsucht. Ebenfalls die Hotelzimmer der Masseure. Die Fahnder stossen auf Medikamente, Flaschen und Spritzen.
16. Juli, Noch schweigen die Chefs: Der internationale Radsportverband (UCI) sperrt Roussel als Sportlichen Leiter. TdF-Direktor Jean-Marie Leblanc sagt: «Ein Ausschluss von Festina kommt im Moment nicht infrage.» Die Untersuchungsbeamten vermelden, dass sich Roussel und Rijckaert nicht kooperativ verhalten.
17. Juli, Der Ausschluss: Roussel und Rijckaert brechen ihr Schweigen. Die Einnahme der verbotenen Substanzen sei mit Direktion, Ärzten, Betreuern und Fahrern abgesprochen. Seit 1994 sei ein teaminternes Dopingsystem aufgebaut worden. Voet war Transporteur und Lagerist. Tour-Direktor Leblanc (54) kündigt um 22.50 Uhr den Ausschluss des Festina-Teams an. Radprofi Virenque will das Aus nicht akzeptieren. Er ist ein Nationalheld – einer, der von Bernadette Chirac empfangen wird, der Frau des Staatspräsidenten.
18. Juli, Virenque weint: Leblanc trifft sich mit den Festina-Profis und bleibt hart. Virenque weint, stürzt sich in die Arme des Tour-Direktors: «Jean-Marie, mach das nächste Jahr eine Tour de France für mich und ich werde sie gewinnen.»
23. Juli, Festina-Profis werden verhört: Die neun Fahrer werden in Lyon zum Verhör vorübergehend festgenommen. Sieben geben ihr Doping zu. Nur Virenque und Hervé erklären, möglicherweise ohne ihr Wissen gedopt worden zu sein. Zülle wird wie ein Schwerverbrecher behandelt. Man nimmt ihm die Brille weg. Er ist praktisch blind. Nach der Nacht im Gefängnis kommen er und Laurent Dufaux frei. Armin Meier wird bereits um Mitternacht entlassen.
25. Juli, Zülle gesteht: Zermürbt nach einer Nacht im Gefängnis gibt Alex Zülle (30) zu: «Ja, ich habe gedopt.» Kurz vor der Abreise in die Ferien spricht er mit BLICK über seine Lügen und sein Doping: «Meine Lügen tun mir jetzt leid … Mit EPO kann man aus keinem Esel ein Rennpferd machen. Die Polizei in Lyon hatte das Gefühl, wer EPO nimmt, der fährt nicht, der fliegt durch die Gegend. Talent, Training und seriöser Lebenswandel – ohne das gehts nicht.»
29. Juli, Der Streik: Bei einer Razzia in Albertville werden in Abfallsäcken des TVM-Teams Ampullen mit Doping gefunden. Teammitglieder kommen in Untersuchungshaft. Die Radprofis an der Tour wehren sich gegen diese Behandlung, streiken. Das Rennen wird demonstrativ verbummelt, der Sieg symbolisch TVM überlassen. Die Teams von ONCE, Banesto (beide Sp) und Riso Scotti (It) verlassen die Tour.
30. Juli, Der Apotheker wird verhaftet: Die spanischen Teams Kelme und Vitalico geben auf. Der Träger des Bergpreis-Trikots, der Italiener Rodolfo Massi, wird als erster Rennfahrer aus einem Rennen heraus verhaftet. In seinem Koffer werden Kortikoide, Anabolika und Wachstumshormone gefunden. Massi behauptet, die Mittel seien nur zum persönlichen Bedarf. Er wird aber als Dealer angesehen. Im Feld nennen sie ihn «den Apotheker».
31. Juli, Auch die Holländer fliegen aus: Das holländische TVM-Team flüchtet beim Etappenstart La Chaux-de-Fonds aus der Tour. «Physische und psychische Erschöpfung», lautete die offizielle Begründung. Teamchef Cees Priem (Ho) und Mannschaftsarzt Andrej Michailow (Russ) sind schon über eine Woche in Haft.
2. August, Ende der 85. Tour: Die Skandaltour ist zu Ende. In Dublin sind 189 Fahrer gestartet, 96 erreichen Paris. Die Tour gewinnt Marco Pantani (28, It). Als einziger Schweizer beendet Roli Meier als Siebter diese Tour. 2001 ist Meier der erste Rennfahrer, der mittels EPO-Nachweises im Urin überführt und rechtskräftig verurteilt wird.
Folgen des Festina-Skandals: Im Juli 2013 veröffentlicht der französische Senat Ergebnisse einer nachträglichen Untersuchung. Sowohl in den Proben von Sieger Pantani als auch von Jan Ullrich (2.) wird EPO nachgewiesen. Da keine B-Proben zur Kontrolle vorliegen, gibts keine sportrechtlichen Konsequenzen. Dank des Festina-Skandals wird 1999 die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) gegründet, der biologische Pass wird eingeführt. Ab 2005 müssen Profis täglich ihren Standort angeben, um unangekündigte Dopingkontrollen zu ermöglichen. (hph)