• Financial markets still provide financing on a large scale for investments in environmentally harmful activities, while projects conducive to the green transformation are often not funded.
• Sustainable finance policies, such as new reporting requirements and standards for sus¬tain¬able financial instruments, have so far mostly focused on creating transparency. However, transparency alone is insufficient to turn the financial sector from a driver of en¬viron¬mental crises into a lever for the green transformation.
• Many countries of the Global South face special challenges, including high interest rates, currency depreciation and limited oppor¬¬tu¬nities to shape global policies (e.g. banking regulations and standards for sus-tainable finan¬cial instruments) in their interests.
• Aligning financial markets with sustainability objectives requires a comprehensive policy mix comprising policies that change incen-tives. These policies can include credit guidance instruments such as credit targets, green refinancing schemes and differentiated capital requirements, and tax policies such as differentiated capital gains taxes for green and non-green assets.
• International forums, such as the Network for Greening the Financial System (NGFS) and
the Sustainable Banking and Finance Network (SBFN), remain valuable for mutual learning and for addressing cross-border effects of finan¬cial regulations.
• Policies to mobilise private resources should not be considered as a substitute for public investments or public steering, which are both crucial for the green transformation.
Heiner Janus and Michael Roll argue that the largest aid contraction on record coincides with a reopened decades-old fault line: what “development” means, who it serves — and how the field can reinvent itself for what comes next.
Bonn, 18. Mai 2026. Die neuen Märkte gewinnen an Bedeutung. Doch Märkte können nicht schützen, was sie nicht vollständig erfassen.
Biodiversitätszertifikate sind Finanzinstrumente, die privates Kapital in messbare Erfolge bei Naturschutz und Renaturierung lenken sollen. Unternehmen können damit Nachhaltigkeitsversprechen untermauern und naturbezogene Risiken steuern. Die Zertifikate werden auf Grundlage messbarer Verbesserungen der Biodiversität ausgegeben und auf Märkten gehandelt; die Einnahmen fließen an die Projektträger. Die Bedeutung der Zertifikate für die Umsetzung des Globalen Biodiversitätsrahmens wird auf der 17. UN-Biodiversitätskonferenz ein wichtiges Thema sein. Die Idee ist verlockend: eine Maßeinheit für Biodiversität und ihren Wert definieren, und einen Markt schaffen, der Mittel für den Naturschutz mobilisiert. Doch Märkte können nicht schützen, was sie nicht vollständig messen, bewerten oder erfassen können.
Damit Biodiversität handelbar ist, muss sie auf einen zusammengesetzten Wert – eine „Biodiversitätseinheit“ – reduziert werden – doch diese Berechnung ist umstritten. Über 570 verschiedene Kennzahlen spiegeln konkurrierende Vorstellungen darüber wider, welche Aspekte der Natur besonders wichtig sind. Eine Biodiversitätseinheit kombiniert Indikatoren wie Artenreichtum, Einzigartigkeit des Lebensraums, Standortfläche, Ökosystemstruktur, Zustand und Lage. Diese Vereinfachung ist nicht wertneutral: Gewinne bei einem Indikator können Verluste bei einem anderen ausgleichen. So kann die Zunahme weniger, relativ verbreiteter Arten den Rückgang seltenerer und empfindlicherer Arten verdecken und dadurch ökologische Zielkonflikte verschleiern.
Befürworter*innen argumentieren, diese Vielzahl an Bewertungsmethoden sei eine mit den frühen Kohlenstoffmärkten vergleichbare Entwicklungsphase. Doch Kohlenstoff basiert auf einer universellen Kennzahl – einer Tonne CO2-Äquivalent. Bei der Biodiversität spiegelt eine solche Kennzahl nicht den sozioökologischen Wert der Natur wider, denn dieser kann sich je nach Kontext und Ort stark unterscheiden.
Die Vielzahl der Methoden zeigt, dass es keine neutrale Einheit gibt, sondern nur konkurrierende Entscheidungen, was gezählt und was ausgeblendet wird. Das in England angewandte Prinzip „Biodiversity Net Gain“ veranschaulicht dieses Dilemma: Für eine Baugenehmigung müssen Bauträger einen Nettozuwachs der Biodiversität von 10 % über 30 Jahre nachweisen; dafür können Lebensräume an einem Ort geschaffen werden, während irreversible Verluste von Ökosystemen anderswo in Kauf genommen und verschleiert werden.
Märkte erfordern handelbare, ortsungebundene Einheiten, doch biologische Vielfalt hängt vom Standort ab. Ökologische Funktionen wirken in größeren, miteinander verbundenen Systemen, die sich nicht auf abgegrenzte Landflächen reduzieren lassen. Der Amazonas erzeugt fliegende Flüsse aus Wasserdampf, die Niederschläge in entlegene Regionen Südamerikas bringen – Zusammenhänge, die Bewertungsmethoden nicht erfassen.
Indigene Völker und lokale Gemeinschaften verfügen über ortsspezifisches Wissen, das standardisierte Messgrößen nicht vollständig abbilden können: Wechselbeziehungen zwischen Arten, saisonale Dynamiken und die kulturelle Bedeutung bestimmter Lebensräume. Selbst dort, wo die Beteiligung von Interessengruppen an der Messung vorgesehen ist, dominiert die Logik der Zertifikate. In Kolumbien besteht selbst bei gemeinschaftsorientierten Programmen die Gefahr, problematische Dynamiken der Kohlenstoffmärkte zu reproduzieren – etwa durch ungerechte Verträge oder wenn Mittel die betroffenen Gemeinschaften gar nicht erreichen. Und: Indigene Gemeinschaften sind zwar in Governance-Strukturen vertreten, haben aber kaum Einfluss darauf, wie der ‚Wert‘ der Biodiversität definiert wird. Wie ein indigener Vertreter bemerkte, stand das Ziel einer Skalierung dieser Märkte von Anfang an fest, wodurch Beteiligung weitgehend symbolisch bleibt. Gemeinschaften werden zwar befragt, haben aber kein Mitspracherecht darüber, was gemessen oder wertgeschätzt wird – dies macht diese Märkte sozial ungerecht.
Obwohl Biodiversitätszertifikate als naturpositiv gelten, verschwimmt in der Praxis die Grenze zwischen Zertifikaten und Ausgleichsmechanismen. Drei der 15 bestehenden Zertifikatssysteme, darunter die des Vereinigten Königreichs und Indiens, erlauben ausdrücklich, dass Zertifikate auch als Ausgleichsleistung genutzt werden. In Kolumbien zeigen sich die Folgen: sogenannte ‚Habitat Banks‘ werden dort an ökologisch umstrittene extraktive Industrien vermarktet und sind damit faktisch zu einer Erweiterung der seit 2012 bestehenden Pflichtkompensationen geworden, anstatt Biodiversität nachhaltig zu schützen.
Globale Marktdaten zeigen weiterhin eine geringe Nachfrage nach biodiversitätsfördernden Zertifikaten: Von rund 11,6 Millionen ausgegebenen oder geplanten Zertifikaten wurden 124.183 verkauft und 1.285 aus dem Handel genommen. Wie der Kohlenstoffmarkt gezeigt hat, können der fehlende Zusatznutzen, Leakage-Effekte und MenschenrechtsverletzungenHandelssysteme fundamental untergraben; die größere Komplexität der Biodiversität macht diese Probleme noch schwerer zu beherrschen.
Der Verlust biologischer Vielfalt ist kein durch Bepreisung lösbares Marktversagen, sondern Folge des Wachstumszwangs unseres Wirtschaftssystems, welches die ökologischen Grenzen der Erde überschreitet. Antworten darauf liegen in Ansätzen der Postwachstumsökonomie, Maßnahmen wie Schuldenerlassen und Subventionsabbau, sowie rechtsbasierten Ansätzen wie der Anerkennung der Natur als Rechtssubjekt sowie indigener und traditioneller Territorien.